Mittwoch, 24. Juni 2009

Abschied nehmen

Als der Vorhang fällt, hält er ihre Hand. Es wird langsam dämmerig, der sanftmütige Sommerabend ist zu müde, um weiter zu wärmen, und sie starrt stur auf den schweren Stoff, der ihr die Sicht verschleiert.

Die Hand in ihrer Rechten nimmt sie gar nicht wahr, sie blickt nur stetig nach vorne, späht zwischen die Lücken, die der Stoff ihr bietet, anstatt seine Finger zu spüren, die sachte über ihre Haut streichen.

„Was siehst du?“, fragt er.
„Zwei Menschen“, antwortet sie mit belegter Stimme.

„Glück“, fügt sie hinzu, schluckt kurzatmig – und nach einer kleinen Pause voll schwerer Sehnsucht sagt sie:
„Liebe.“

Ihr verschleierter Blick fällt auf die samtigen Falten des Vorhangs und den Zwischenraum, der zu viel Lücken bietet, in denen sie büßen könnte.

„Was soll ich tun?“ fragt sie mit tonloser Stimme. Sie hat eine blonde Locke zu viel im Gesicht, die zu wenig verdeckt, was er nicht sehen soll, und dann hüstelt sie heiser – und drückt automatisch seine Hand.

„Du musst loslassen“, sagt er sanft, lässt los und verschwindet in der Dämmerung.

Vielleicht bedeutet zu lieben auch: zu wissen, wann es Abschied nehmen heißt.

Mittwoch, 15. April 2009

Letzte Tage, jetzt

Letzte Tage, jetzt. Im Hinterhaus links brennt ein dünnes Licht. Morgenstundenverrauchtes Pochen klopft an meine Stirn und will hinaus ins Halbdämmerlicht des unvollständigen Tages. Ich fühle mich wie er. Mich fröstelt vor mir selbst. Ich harre schmerzensmüde der Dämmerung und zähle die Stunden rückwärts gegen die Zeit. Ein farbloser Start in einen matten Morgen, der sich müde zum Tag zelebriert, aber selbst nicht feiern will.

Letzte Tage, jetzt. Im Abendrot eines Jungmädchensommers labe ich mich am Dämmerlicht hinter uns, das die Großstadt traurige Augen machen lässt. Wischen den Frühling flüchtig beiseite, ehe er uns brisenzart fortwehen kann. Wir stolpern über sinnliche Sommerboten und landen trotzdem weich. Staunen über uns selbst. Den Mondschein vollmundig verlacht, nur die sanfte Schwermut unserer Sehnsucht reibt sich an kratziger Rollkragenwolle.

Letzte Tage, jetzt. Das Glas ist voll, aber die Meter sind leer, und jenseits der Nacht wartet meine Erinnerung. Ich friere, weil draußen Sommer wird, aber drinnen kein bisschen Wärme, und ich frage mich insgeheim, was man alles übersehen kann, wenn hinter den Augen zu viele Wasser stehen.

Letzte Tage, jetzt. Im Hinterhaus links brennt kein Licht mehr. Vielleicht werde ich einen Wimpernschlag lang innehalten und den Abschied mit den Schultern wegzucken, aber ich werde mich nicht umdrehen. Wenn die Tür dann hinter mir ins Schloss fällt, flicke ich mich wieder zusammen und sehe langsam dabei zu, wie eine Sommersprosse sachte zu Boden fällt. Sie ist für dich.

Samstag, 4. April 2009

Sollbruchstelle

Ich trinke aus dem Mond und heule das Glas an. Stunden später pflücke ich eine Wimper von deiner Wange und sage: Wünsch dir was. Meine blasse Silhouette in deinen Pupillen verdunkelt sich, und du lächelst nicht, als du die Augen schließt und einen Gedanken fixierst, den ich verliere, ehe ich ihn greifen kann.

Meine Vergangenheit lebt in einem anderen Land. Ich bin zu müde für einen Sommer, der noch nicht mal begonnen hat, und stehe im Märzgewitter mit blanken Zehen auf modrigen Blättern und lasse mir Hagel auf die Brüste prasseln, bis es weh tut.

Die Traurigkeit kommt täglich mit einer Eleganz, die den Frühling in mir nonchalant zur Seite wischt. Viel zu vornehm nimmt sie neben mir Platz und fordert Raum ein, den ich ihr nicht geben will, und wieder geht ein Tag vorbei, der viel zu blass war, um sich an ihn zu erinnern, wieder ein Tag, an dem jeder Augenblick an der eigenen Sollbruchstelle scheitert.

Du weißt nicht, was du tun sollst, wenn ich nicht mehr da bin, sagst du mit schwarzklebrigen Augen, und ich möchte alle Möglichkeiten aus dir herauslieben, werde aber trotzdem verschwinden. Es ist zu viel zum Gehen, aber zu wenig zum Bleiben, und ich klebe mir ein Lächeln ins Gesicht, damit ich selbst nicht sehe, wie mir das Herz unter den Lippen zerbröselt.

Mein Herz hat keine Sollbruchstelle.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Herbsttag, beschissen

laub Die Traurigkeit kommt immer dann, wenn man sie nicht eingeladen hat. Hockt sich dreist in den eigenen Lieblingssessel, schlägt nonchalant die Beine übereinander und schmiert einem die Kälte ins Gesicht.

Es hockt ein Nebel über dem Land, der durch die Ritzen meiner müden Fenster zieht und dem Baum davor die Farben nimmt. Ein Schritt auf den Balkon, eine kühle Brise, ein Wispern aus einer fremden Wohnung, ein Gedanke zu viel – alles milchig getrübt in zäher Geschwindigkeit. Kalte Füße, dazwischen das Gurren der Tauben am Fenstersims gegenüber, die träger als sonst ihr Gefieder plustern und hohläugig zu mir stieren, die barfuß, mit eingerollten Zehen auf dem Balkon steht und viel zu lange auf die gefrorene Taubenscheiße vor sich starrt.

Der Stein auf meinem Herzen, er will einfach nicht fallen.

Mit nackten Wimpern die Nase in die Witterung recken und das fallende Laub erschnuppern. Letzte Sonnenstrahlen mit der Zunge auffangen und dabei zusehen, wie eine Sommersprosse zu Boden fällt. Der Traurigkeit entgegenbrüllen: „Friss Scheiße“ und dabei lächeln.

Ich falle nicht tief. Ich springe nur vom höchsten Ton.

Sonntag, 24. August 2008

Schnee, uferlos

schnee1Wir küssen uns das erste Mal im Schnee. Vielleicht in einem lichten Augenblick irgendwann im Altweiber-Dezember, wo der Himmel klar ist und es ein bisschen zu sehr nach Weihnachten riecht. Ein Hauch Zuckerwatte, zu süß und zu bitter zugleich, ein bisschen Mandel und Marzipan, dazu verglühter Wein, getunkt in Nelken und Zimt und Rosinen, die keiner mag. Vielleicht gehen wir mit roten Wangen durch die bleiernen Straßen, der Asphalt mit einer Frostschicht überzogen, und hören unsere eigene Schritte nur dumpf hinter uns, die im süßen Geruch verpuffen. Vielleicht dämmert es ein klein wenig an diesem bitteren Abend, vielleicht kommt ein leichter Sturm auf, der unsere Gesicher beißt und Tränen in die Augen treibt. Es ist ein zögerndes Verharren vor dem Schnee, ein langsames Schreiten in den Sturm, und dann starren wir beide nach oben, um die erste Schneeflocke mit der Zunge aufzufangen. In deinen Augen ist ein Lachen, du frierst und steckst deine Hände tief in deine Manteltaschen, aber trotzig hältst du dem Wetter stand und starrst mit weit aufgerissenen Augen nach oben. Du blinzelst, als an deinem linken Wimpernkranz eine Schneeflocke hängenbleibt und lachst wie ein kleiner Junge, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu laut.

"Komm", sagst du und nimmst meine Hand. Das erste Mal, und mich wundert die Zartheit deiner Haut und die Vergerbtheit in den Zwischenräumen unserer suchenden Finger. Du ziehst mich aus den tanzenden Schneeflocken in einen düsteren Hauseingang und hältst inne. Dein Blick ist ebenso dunkel die die Wand hinter dir.
"Lass uns warten", sagst du, zuckst die Schultern und ziehst die dicke Wolle deines Mantels fester an dich. Es wird dunkel, kein Stern in Sicht, die Schneeflocken wirbeln um uns und verdichten den Blick auf die Straßen vor uns, in denen das Leben weiter geht.

Wir stehen da wie eingefroren, obwohl es gar nicht so kalt ist, aber die dunkle Ecke der Hausmauern ist zu eng und wir zu nah, ein kleines bisschen gezwängt, ein kleines bisschen gewollt. Ein paar Zentimeter zu deiner Hand, die mich losgelassen hat, ein paar Zentimeter im Zwischenraum dessen, was gewollt, aber nicht erlaubt ist. Dein Blick verharrt an meinem Kragen und wandert langsam nach oben, bleibt hängen an meinen Wimpern und wird schal, nur ein wenig, aber lang genug, um es zu merken. Es sind diese Sekunden, die man niemals festhalten kann und auch nicht sollte, aber die bleiben und verführen und erst recht verdammt sind.

Plötzlich geht die Tür auf, eine Frau drängt sich raus und dich zur Seite. Du stolperst, zögerst, haderst - und schwankst zu mir, ganz nah, zu nah, so nah, dass sie vorbei kann, doch als sie weg ist, bleibst du stehen. Dein Arm auf meiner Schulter, dein Geruch in meiner Nase, dein Lächeln in meinem Gesicht, und als du sachte blinzelst, spüre ich einen Hauch an meiner Stirn, als ob deine Wimpern mich keck kitzeln würden. Das Schweigen zwischen uns wird laut, die Schneeflocken wirbeln noch immer im Wasserglas neben uns, und dann trifft ein Schneekristall meine Lippe und friert ganz leise vor sich hin, bis du ihn wegküsst.

Als deine Lippen sich lösen und zu einem Lächeln verziehen, sage ich: "Davon habe ich geträumt", und halte den Kopf ein klein wenig schief. "Nur hat es damals geregnet".
Du nickst, als wüsstest du, wovon ich rede und streichst mir eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht, während du mit der anderen Hand die meine loslässt.
"Es roch nach Altweibersommer, nach gemähtem und modrigem Gras, es roch nach September, als du mich im Traum geküsst hast", erkläre ich und merke, dass du es nicht verstehen kannst. Nicht den Kuss, von dem ich träumte, nicht den Kuss, den wir uns gerade gaben.

"Was ist nach dem Kuss passiert?" willst du wissen.
"Ich habe mir den Regen von den Lippen geleckt", sage ich. "Und du bist gegangen".
"Und jetzt?" fragst du.
"Lecke ich mir den Schnee von den Lippen", sage ich.
"Wer geht?" fragst du.
"Nichts geht", sage ich und spüre die Traurigkeit gar nicht, die mich einhüllt. Es ist zu kalt für Sentimentalitäten und zu einsam zu zweit.

"Du wirst ganz langsam fort gehen, und ich werde dir nachsehen", murmle ich und verstecke meine müden Augen in meinem Mantelkragen. "Das machen die in französischen Filmen so."
Du nickst.
"Und dann werde ich in irgendeine Bar gehen und mir etwas Hochprozentiges bestellen", sage ich. "Das machen die in amerikanischen Filmen so".
Du nickst.
"Und dann werde teures Geschirr gegen die Wand schleudern", sage ich. "Das machen die in italienischen Filmen so".
Du nickst.

"Und dann werde ich nach Hause gehen und ..." Ich halte inne, mir fehlt der Atem.
"Was?" fragst du.
Jetzt nicke ich.
"Ich werde aus Papier einen Schwan falten und dann verbrennen", antworte ich.
"In welchen Filmen machen die es so?" fragst du.
"In meinem", sage ich.

Du sagst nichts mehr und starrst in Zeitlupe auf den fallenden Schnee, als ob er damit schneller oder langsamer fallen würde. Die Erde dreht sich genauso schnell, der Schnee fällt genauso langsam wie immer, auch wenn die Liebe einfriert und trotz Wärme nicht sein darf, vor allem nicht in einem Altweiber-Dezember, in dem es zu sehr nach Weihnachten riecht. Ich schnuppere nach der Zuckerwatte, verharre in der eisigen Kälte und atme ein und aus und betrachte die dampfenden Wolken, die aus meinem Mund treten, den du vielleicht gerade geküsst hast. Meine Lippen sind rau, als ich nicke und dir zusehe, wie du langsam fortgehst. Deine Schritte sind langsam, ein bisschen unbeholfen, und du drehst dich ebenso wenig um, wie ich dir nachlaufe. Und als du nur mehr ein kleiner Punkt im Schneegestöber bist, wische ich mir die Eiskristalle aus den Augen und atme tief ein.
So könnte es sein.


(Hier geht's zu Teil 1).

Sonntag, 3. August 2008

Was fehlt

fehler„Wann bist du so geworden?“, will er wissen.
Wenn etwas fehlt, das nie da war, fehlt mehr, als fehlt, wenn einem nichts fehlt. Das füreinander Fehlen, das miteinander, gegeneinander, zueinander, voneinander Fehlen. Es fehlt.

Es ist ein Leichtes, Buchstaben zu biegen, solange die Hebelwirkung fehlt und ihre Kraft dort ist, wo er fehlt. Der Flaschenzug ist längst nicht mehr im Lot. Die Flasche ist voll, aber der Zug fehlt, der sie weit weg bringt; dorthin, forthin, fehlthin. Dort, wo nichts fehlt, nur seine verfehlte Melodie. Ein bisschen Rockmusik macht keinen Sommer, wenn es ihm an Takt fehlt und der Rhythmus in schrägen Harmonien schwankt. Und während er Disharmonien korrigiert, fehlt ihr der Atem, ein weiteres Mal für ihn Luft zu holen. Ihr fehlt die Kondition, um so weitermachen zu können, um atmen zu können, ohne dass ihr der Sauerstoff fehlt und er, der sie atmen lässt.

Fehlen, das tut der Anstand, seinen Fuß aus ihrer Tür zu nehmen, damit sie die Tür schließen kann vor dem, was ihr fehlt. Fehlen, das tut ihr Verstand, während ihr Herz überläuft und sich verfehlt und verirrt und der Ausweg fehlt, der Fehler wieder gut machen könnte. Es sind die Mitternachtsspitzen, die fehlen. Die Augenblicke in der Dunkelheit, wenn seine Augen erzählen, sein Mund lügt und alles fehlt außer der Nähe, die nicht sein darf und für immer fehlen muss, soll, wird.

Seit er nicht da ist, fehlen der Stadt die Lichter, und sie sucht ihn zwischen blechernen Buchstabenhülsen, denen die Hoffnung fehlt.

„Wann bist du so geworden?“, will er wissen.

„Seitdem du mir fehlst“, antwortet sie.

Ihm fehlen die Worte.
Und ihr fehlt die Liebe.
Weil sie ihm fehlt.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Wenn du die Tage nicht mehr zählst

holzwandWenn’s drinnen wieder draußen wird und der Neumond zögernd altert, stellt sie ihre eigenen Mauern auf die Straße und baut sich ein hölzernes Zimmer unter den Sternen. Mitten im Dickicht der hochgewachsenen Häuser wartet sie, bis die Nacht zu müde ist, um noch Tage zu zählen, die fehlen und quälen, und der Straßenstaub treibt ihr trockene Tränen in die Augen. Zwischen den müden Pflastersteinen schillert ihre zerplatzte Seifenblase, auf die sie ihren Kopf bettet, und in den feinen Ritzen des Asphalts verharren ihre Träume im Exil in der Endlosschleife.

Es war eine klirrend kalte Winternacht, als sie die Straßen entlang stapfte und wusste, dass er am Ende der Schneeflocken warten würde. Ein bisschen Hall, ein bisschen Hektik, ein bisschen Hoffnung auf den Steinen und dazwischen pudriger Pulverschnee, der langsam und müde die schmale Gasse hinabsackte. Verlorene Meter vor ihr, vergangene Momente hinter ihr, doch als sie sich umdrehte, sah sie nur ihren Schatten in einer Ecke kauern.
Die antike Tür aus dickem Holz war zu langsam, um knarren zu können, und seine Hand umfing die Klinke aus Bronze, ehe sie danach greifen konnte.
„Was machst du hier?“ fragte sie und versuchte, den Augenblick anzuhalten und seinem Blick auszuweichen.
„Ich hab auf dich gewartet“, meinte er und zuckte mit den Schultern die Kälte der Nacht weg, die eisig durch die Tür zog. Sie schüttelte die Locken, ein paar Schneeflocken fielen auf den Boden und erstarrten wie ihr Lächeln, das sie wiederfand, als sie sich umdrehte und vor ihm floh.
Stunden später zog sie mit den Fingern die vernarbten Linien auf dem alten Holztisch nach und hörte zu, wie seine Gesten Geschichten erzählten und wollte nie wieder einatmen.
„Willst du dich nicht mal zu den anderen setzen?“ fragte sie und atmete zischend aus.
„Ich bin genau da, wo ich sein will“, sagte er schlicht und hielt ihren Blick mit der Dunkelheit seiner Augen fest. „Bei dir“. Und als sie nicht lächelte, griff er ihren Blick auf und hielt ihn fest, bis …


Als ihre Knochen leise knacken, erwacht sie in Zeitlupe und greift mit klammen Fingern nach dem Traum. Die Stadt liegt blass vor ihr, ein bisschen zäh, ein bisschen zaghaft, ein bisschen zögerlich im Erwachen. Als sie auf die Straße sieht, spiegelt sich ihr Gesicht in einer Pfütze, und in ihren trüben Pupillen entdeckt sie seine Silhouette.
„Happy anniversary, Baby - auf die nächsten zwei Monate“, formen seine Lippen mit einem trägen Lächeln, und ihre Wimpern zucken zusammen und flattern haltlos, bis es verschwimmt.
„Wann sehe ich dich wieder?“ fragt sie spröde und tritt einen Kieselstein in die Pfütze vor ihr.
„Wenn du die Tage nicht mehr zählst“, antwortet er, ehe sein Gesicht mit dem Stein in den Wellen verschwindet.

Freitag, 9. Mai 2008

Fliegengewicht

FliegengewichtUnbeholfen versuchte sie, sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, die sich ganz plötzlich gelöst hatte.
„Ich soll zuschlagen? Einfach so?“
„Einfach so", nickte der Trainer.
„Konzentriere dich auf einen Punkt. Tief in dir. Den Punkt, wo all dein Zorn sitzt. Und wenn du ihn gefunden hast, balle ihn zusammen, lass ihn durch deinen Arm laufen und schlag dann mit voller Wucht zu“, erklärte er und deutete auf den Sandsack, der einen Meter vor ihr baumelte.
Sie sah ihn nicht an, sondern stierte scheinbar gelangweilt auf das eingerissene Leder des Sandsackes. Irgendwo prallte dumpf ein Körper auf eine Sportmatte. Dann war es wieder still.
Langsam atmete sie aus.
„Und das soll funktionieren?“ fragte sie skeptisch und ließ ihre Finger heimlich in den dicken Boxhandschuhen tanzen.
Er nickte und deutete ihr, anzufangen.
Vorsichtig trippelte sie auf der grünen Matte ein paar Zentimeter hin und her, tänzelte sich ihre Unsicherheit weg. Sie winkelte die Arme an, betrachtete die runden Handschuhe mit großen Augen, in denen kein Zorn zu sehen war.
Sie musste sich nicht konzentrieren. Die Wut war da, auch wenn keiner sie sah. Sie brauchte weder den Punkt in ihr suchen, noch die Vorstellung einer Person oder Situation heraufbeschwören. Sie wusste, wie die Wut aussah. Und ahnte erstmals, wie sie sie treffen konnte.
In ihren Fingern kribbelte es.
Sie schloss die Augen, sah die Farben der Dunkelheit unter ihren Lidern tanzen. Sie zauderte kurz, atmete tief ein - und ließ dann ihre Faust nach vorne schnellen.
Einmal. Zweimal. Dreimal. Sie atmete nicht aus, sondern schlug blind zu und hörte nur dumpf und wie unter einer Glasglocke das satte Klatschen, wenn ihre Faust auf den Sandsack traf.
Ein Schlag folgte dem anderen. Ein Schlag war besser als der andere.
Der Trainer schwieg verblüfft, als sie plötzlich inne hielt und wie eine Statue aus dem alten Ägypten verharrte, die göttergleich in ihrer Würde unantastbar ist.
Kein Hauch Atem kam über ihre Lippen, sie stand unbeweglich im Raum. Unmerklich breitete sich ein Ausdruck der Seligkeit auf ihrem Gesicht aus.
„An wen hast du gedacht?“ fragte er.
„Wen hast du geschlagen?“
Ihr Lächeln kam zögerlich, als sie laut ausatmete und sich den Schweiß von der Stirn wischte. Und wurde breiter, als sie sagte: „Jemanden, der es verdient hat“.
Fast verwundert spürte sie den Schmerz, der in Zeitlupe unter ihrem Auge entlang ihres rechten Wangenknochens zu pochen begann.
Verblüfft beobachtete der Trainer, wie sich ihr Auge langsam blau verfärbte.
Sie lächelte und zuckte mit den Schultern.
„Ich sagte doch, ich habe es verdient“, murmelte sie, holte tief Luft und schlug erneut mit voller Wucht zu.

Nellas Niemandsland

Neurosen, Nettigkeiten & notwendiger Nonsens

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Neue Niemandslandworte

Abschied nehmen
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Nella Niemandsland - 24. Jun, 00:17
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Wie schon der große deutsche Volksphilosoph Roland...
DrYes - 17. Apr, 01:01
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Letzte Tage, jetzt. Im Hinterhaus links brennt ein...
Nella Niemandsland - 15. Apr, 00:43
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DrYes - 9. Apr, 11:51
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dass du dies veröffentlichst, könnte ein...
Eugene Faust - 7. Apr, 11:23
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99 Tage Offline..
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katiza - 22. Jan, 17:49
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Nella Niemandsland - 14. Okt, 22:42
Hach, wie es dir immer...
Hach, wie es dir immer wieder gelingt, Stimmungen in...
testsiegerin - 24. Aug, 09:37

Die Vergangenheit im Niemandsland

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Zuletzt aktualisiert: 24. Jun, 00:22

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