Montag, 10. Januar 2011

Die Herzzeitlose

Es ist feige, das ist unumstritten, aber es ist einfacher, ihn nicht anzurufen. Seine Stimme lockt unweigerlich meine Tränen, ein einfaches Hallo genügt, um Dämme zu brechen, Dämme ohne Wall und mich dazu. Uferlos.

Er klingt wie immer, wenn wir uns doch sprechen. Er klingt wie ein Alltag, den ich um mich haben will, bedingungslos, wie ein grobmaschig gestrickter Wollpulli, der wärmt und kratzt zugleich, den man trotz Rauheit trägt, weil es kalt geworden ist da draußen und von Anruf zu Anruf da drinnen.

Müde, er wirkt ein bisschen müde in der Stimme, erschöpft in seiner Fröhlichkeit, aber er schweift ab, führt uns auf sichere Wege, wo die Traurigkeit sich zwischen Scherzen verstecken kann, und dann verabschieden wir uns und atmen tief ein, jeder für sich.

Die kalten Finger um meine Brust bleiben und streicheln mich durch den Tag, und doch kann ich aufhören, daran zu denken, an ihn zu denken, und dann fühlt sich leben so einfach an, als ob es nichts da draußen gäbe, das lauert.

Wettergegerbt rutsche ich durch meinen Alltag und verdränge, denke an Nichtigkeiten und scheue den nächsten Anruf, betrachte mein Telefon aus den müden Augenwinkeln, sehnsüchtig nach seiner Stimme und doch froh, wenn er nicht anruft. Er fehlt mir mehr als jemals zuvor.

Das Leben stolpert weiter, ich atme mich durch die Stunden und bin zu leise. Er ist auf Facebook. Er meldet sich auf Skype an. Sein Name blinkt rot und grün und ich verharre, überlege, würde gerne, schweige. Es scheint ihm gut zu gehen, wenn er alltäglichen Banalitäten nachgehen kann, ohne mich, ohne mein Bohren, wenn er vor dem Rechner sitzt, als ob nichts wäre, und dann vielleicht doch an mich denkt, schief lächelt in seinen Mundwinkeln, und dann ist er schon wieder offline und der Name blass, alles ist endlich, das weiß man ja.

Die Erinnerung streift mich unvermutet, lässt mich lächeln, hadern, schaudern. Tage, an denen ich über seine Hand streichen durfte und er es zuließ, ohne peinlich berührt zu sein. Trockene Worte, deren Wärme nur durch die darin enthaltene, verspielte Beleidigung übertüncht wurde, keck ausgesprochen mit einem Tupfen Liebe obendrauf, und dann unser Lachen, das glucksend von irgendwo da drinnen kam, wo unsere Herzen sind und wo man nur dann lachen kann, wenn man sich nah ist und ein Herz hat.

In mir ist es kalt geworden, seit sein Herz anders schlägt.

Er ist mein Vater. Und sein Herz wird in den nächsten Tagen operiert.

Nellas Niemandsland

Neurosen, Nettigkeiten & notwendiger Nonsens

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