Sonntag, 24. August 2008

Schnee, uferlos

schnee1Wir küssen uns das erste Mal im Schnee. Vielleicht in einem lichten Augenblick irgendwann im Altweiber-Dezember, wo der Himmel klar ist und es ein bisschen zu sehr nach Weihnachten riecht. Ein Hauch Zuckerwatte, zu süß und zu bitter zugleich, ein bisschen Mandel und Marzipan, dazu verglühter Wein, getunkt in Nelken und Zimt und Rosinen, die keiner mag. Vielleicht gehen wir mit roten Wangen durch die bleiernen Straßen, der Asphalt mit einer Frostschicht überzogen, und hören unsere eigene Schritte nur dumpf hinter uns, die im süßen Geruch verpuffen. Vielleicht dämmert es ein klein wenig an diesem bitteren Abend, vielleicht kommt ein leichter Sturm auf, der unsere Gesicher beißt und Tränen in die Augen treibt. Es ist ein zögerndes Verharren vor dem Schnee, ein langsames Schreiten in den Sturm, und dann starren wir beide nach oben, um die erste Schneeflocke mit der Zunge aufzufangen. In deinen Augen ist ein Lachen, du frierst und steckst deine Hände tief in deine Manteltaschen, aber trotzig hältst du dem Wetter stand und starrst mit weit aufgerissenen Augen nach oben. Du blinzelst, als an deinem linken Wimpernkranz eine Schneeflocke hängenbleibt und lachst wie ein kleiner Junge, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu laut.

"Komm", sagst du und nimmst meine Hand. Das erste Mal, und mich wundert die Zartheit deiner Haut und die Vergerbtheit in den Zwischenräumen unserer suchenden Finger. Du ziehst mich aus den tanzenden Schneeflocken in einen düsteren Hauseingang und hältst inne. Dein Blick ist ebenso dunkel die die Wand hinter dir.
"Lass uns warten", sagst du, zuckst die Schultern und ziehst die dicke Wolle deines Mantels fester an dich. Es wird dunkel, kein Stern in Sicht, die Schneeflocken wirbeln um uns und verdichten den Blick auf die Straßen vor uns, in denen das Leben weiter geht.

Wir stehen da wie eingefroren, obwohl es gar nicht so kalt ist, aber die dunkle Ecke der Hausmauern ist zu eng und wir zu nah, ein kleines bisschen gezwängt, ein kleines bisschen gewollt. Ein paar Zentimeter zu deiner Hand, die mich losgelassen hat, ein paar Zentimeter im Zwischenraum dessen, was gewollt, aber nicht erlaubt ist. Dein Blick verharrt an meinem Kragen und wandert langsam nach oben, bleibt hängen an meinen Wimpern und wird schal, nur ein wenig, aber lang genug, um es zu merken. Es sind diese Sekunden, die man niemals festhalten kann und auch nicht sollte, aber die bleiben und verführen und erst recht verdammt sind.

Plötzlich geht die Tür auf, eine Frau drängt sich raus und dich zur Seite. Du stolperst, zögerst, haderst - und schwankst zu mir, ganz nah, zu nah, so nah, dass sie vorbei kann, doch als sie weg ist, bleibst du stehen. Dein Arm auf meiner Schulter, dein Geruch in meiner Nase, dein Lächeln in meinem Gesicht, und als du sachte blinzelst, spüre ich einen Hauch an meiner Stirn, als ob deine Wimpern mich keck kitzeln würden. Das Schweigen zwischen uns wird laut, die Schneeflocken wirbeln noch immer im Wasserglas neben uns, und dann trifft ein Schneekristall meine Lippe und friert ganz leise vor sich hin, bis du ihn wegküsst.

Als deine Lippen sich lösen und zu einem Lächeln verziehen, sage ich: "Davon habe ich geträumt", und halte den Kopf ein klein wenig schief. "Nur hat es damals geregnet".
Du nickst, als wüsstest du, wovon ich rede und streichst mir eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht, während du mit der anderen Hand die meine loslässt.
"Es roch nach Altweibersommer, nach gemähtem und modrigem Gras, es roch nach September, als du mich im Traum geküsst hast", erkläre ich und merke, dass du es nicht verstehen kannst. Nicht den Kuss, von dem ich träumte, nicht den Kuss, den wir uns gerade gaben.

"Was ist nach dem Kuss passiert?" willst du wissen.
"Ich habe mir den Regen von den Lippen geleckt", sage ich. "Und du bist gegangen".
"Und jetzt?" fragst du.
"Lecke ich mir den Schnee von den Lippen", sage ich.
"Wer geht?" fragst du.
"Nichts geht", sage ich und spüre die Traurigkeit gar nicht, die mich einhüllt. Es ist zu kalt für Sentimentalitäten und zu einsam zu zweit.

"Du wirst ganz langsam fort gehen, und ich werde dir nachsehen", murmle ich und verstecke meine müden Augen in meinem Mantelkragen. "Das machen die in französischen Filmen so."
Du nickst.
"Und dann werde ich in irgendeine Bar gehen und mir etwas Hochprozentiges bestellen", sage ich. "Das machen die in amerikanischen Filmen so".
Du nickst.
"Und dann werde teures Geschirr gegen die Wand schleudern", sage ich. "Das machen die in italienischen Filmen so".
Du nickst.

"Und dann werde ich nach Hause gehen und ..." Ich halte inne, mir fehlt der Atem.
"Was?" fragst du.
Jetzt nicke ich.
"Ich werde aus Papier einen Schwan falten und dann verbrennen", antworte ich.
"In welchen Filmen machen die es so?" fragst du.
"In meinem", sage ich.

Du sagst nichts mehr und starrst in Zeitlupe auf den fallenden Schnee, als ob er damit schneller oder langsamer fallen würde. Die Erde dreht sich genauso schnell, der Schnee fällt genauso langsam wie immer, auch wenn die Liebe einfriert und trotz Wärme nicht sein darf, vor allem nicht in einem Altweiber-Dezember, in dem es zu sehr nach Weihnachten riecht. Ich schnuppere nach der Zuckerwatte, verharre in der eisigen Kälte und atme ein und aus und betrachte die dampfenden Wolken, die aus meinem Mund treten, den du vielleicht gerade geküsst hast. Meine Lippen sind rau, als ich nicke und dir zusehe, wie du langsam fortgehst. Deine Schritte sind langsam, ein bisschen unbeholfen, und du drehst dich ebenso wenig um, wie ich dir nachlaufe. Und als du nur mehr ein kleiner Punkt im Schneegestöber bist, wische ich mir die Eiskristalle aus den Augen und atme tief ein.
So könnte es sein.


(Hier geht's zu Teil 1).

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