Dienstag, 25. September 2007

Ein LEBEN für den Tod - und umgekehrt

Langes_Leben1 „Ich überlege, ob ich die Rettung anrufen soll, damit sie mich vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer trägt“, sagt J. mit dunkler Stimme, die bleiern klingt und bedeckt ist mit Fieber, Schmerzen und Traurigkeit, über der immer noch der trockene Humor steht, mit dem sie sich zynisch durchs Leben lacht. Ich schlucke mit bitterer Galle im Mund, weil es jedes Mal ein neuer Elektroschock für mein Herz ist, wenn J. so mit mir spricht, unverblümt, knallhart und ehrlich und mich damit beinahe umrennt, sodass ich nicht der Fels in ihrer Brandung sein kann, der ich sein will, und wie sie im Meer der Unseligkeit ertrinke, schwach, sämig und sorgenvoll.

Es wird Herbst da draußen, gerade habe ich das Fenster in meinem Schlafzimmer geschlossen, die pinken Vorhänge zugezogen, und ich bin ein bisschen traurig, dass die Grillen mich nicht mehr in den Schlaf zirpen und der kalte Wind die alten Fensterbalken quietschend schließt. Die Sommertage mit lauen Winden sind Geschichte, die nirgendwo geschrieben steht. Gegenüber, wo den ganzen Sommer Licht brannte, ist es seit zwei Tagen finster, die Menschen sind zwar da, es scheint Licht und ich sehe Silhouetten auf dem Balkon, aber der zarte Schimmer, der jede Nacht in meine Schlaflosigkeit strahlte, ist verschwunden. Der Raum, in dem eine Kerze stand, ein dünnes Licht, eine kleine Lampe, liegt nun in Dunkelheit, und ich weiß nicht, ob ich deshalb nicht mehr schlafen kann.

„Mama ist krank, lass mich bitte ein bisschen in Ruhe“, sagt J. blechern ins Telefon, und ich höre die 6-Jährige fröhlich vor sich hin singen, sie ahnt weder, dass etwas in der Luft liegt, noch dass es Unwetter gibt, die bleiben, und ich bin froh darüber, über die 6-Jährige mit den fragenden Augen und der lispelnden Aussprache, die mehr weiß, als ein Mädchen in ihrem Alter wissen sollte, und dennoch Kind ist, wie Kinder sind.

Ein immerwährendes Auf und Ab. Vorhin gearbeitet und gegoogelt und über siebzehn Ecken auf Sylvia Plath gestoßen und mich erinnert. Nachgerechnet, wann sie sich umgebracht hat und überlegt, dass ich Mitte Dezember meinen Kopf in den Ofen stecken müsste, 30 Jahre und drei Monate alt, um es ihr gleichzutun. Gedanken verworfen. Dann erneute Gedankenfetzen, als ich im Bett liege und aus dem Fenster starre, als das Unwetter noch weit weg ist und ein letzter Hauch Altweibersommer um meinen müden Körper weht. Ich denke, dass die Traurigkeit im letzten Jahr auch Platz gemacht hat für freudige Neugier, für fremde Freunde, ich durfte Dinge erleben, die vorher undenkbar gewesen wären, und über dem allen steht J. mit ihrem Lebenswillen, obwohl sie täglich zu mir sagt, dass sie sterben will - und ich mit ihr.

Im Juni, als wir leichtfüßig und herzvoll waren und umschlungen ein paar Sommertage erlebten, da wurden wir Kinder und handelten nach unseren Herzen. Wir ließen uns tätowieren, bleiern vom Bier, weich gemacht von Zigaretten, und der Schmerz der Nadel, die uns stach, war niemals so groß wie die Liebe, die uns zu diesem Schritt flog. Heute, gedankenverhangen und ein bisschen traurig, dachte ich über die nächste Tätowierung nach, die wir uns machen, bald, morgen, Ende des Jahres, und so oft der Tod auch zwischen uns steht, ich bin für das lange Leben, weil es jeder verdient, vor allem J.

Nellas Niemandsland

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